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Region Nordhessen - Kompetenz in Elektro- und Informationstechnik

Entwicklung der Versorgung der Region mit elektrischer Energie

Versorgung der Umgebung Kassels und angrenzender Gebiete

Die Entwicklung im ländlichen Raum war gegen Ende des 19. Jahrh. noch nicht so weit wie in Kassel. Keimzellen zukünftiger großräumiger Versorgungsnetze waren jedoch wie in Kassel die Mühlenbetriebe, die die Wasserkraft für die Erzeugung elektrischer Energie nach und nach einsetzten, jedoch nur geringe Leistungen zur Verfügung stellen konnten. Beispiel hierfür sind der Mühlenbesitzer Karl Neuendorf in Sontra und August Schween an der Diemel kurz vor der Einmündung in die Weser.

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Neuendorf ersetzte sein Wasserrad durch eine Turbine und belieferte ab 1890, also noch vor dem ersten Elektrizitätswerk in Kassel, mit dem erzeugten Strom neben seinem Anwesen auch noch das Rathaus, die Kirche und das Pfarrhaus sowie einige in der Nähe gelegene Gewerbebetriebe. Schween gründete 1909 die "Elektrizitätswerk Helmarshausen und Umgebung GmbH", errichtete ein kleines Wasserkraftwerk und versorgte die Stadt am Fuß der Krukenburg und, über eine 3 kV-Leitung, auch die Gemeinde Herstelle.

Als im Jahr 1891 anlässlich der "Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung zu Frankfurt am Main" die erste Drehstromübertragung von Lauffen am Neckar nach Frankfurt am Main stattfand, war im Grundsatz die heutige Versorgungstechnik geboren. Im Jahr 1910 machte die Weserstrombauverwaltung des Preußischen Staates in einer Denkschrift den Vorschlag, die durch den geplanten Bau von Talsperren an Eder und Diemel verfügbar werdenden Wasserkräfte für die Allgemeinheit nutzbar zu machen. Unter Führung des Landkreises Kassel waren zuvor alle Möglichkeiten für eine Stromversorgung mehrerer Kreisgebiete im ehemaligen Kurhessen geprüft worden. Ein Vorarbeitenausschuss als Beauftragter der Landkreise Kassel, Fritzlar, Hofgeismar, Münden und Melsungen verhandelte mit der Weserstrombauverwaltung über eine Stromversorgung der Kreise aus den geplanten staatlichen Kraftwerken.

Nach den Beschlüssen über den Kraftwerksbau durch den Preußischen Landtag und den Aufbau einer einheitlichen Stromversorgung in den Landkreisen entstand 1914 der "Zweckverband Überlandwerk Edertalsperre (ÜWED)". Bereits 1915 konnte die Strombelieferung aus dem Kraftwerk Hemfurth am Edersee in bescheidenem Umfang aufgenommen werden. Nach dem Krieg wurde der Ausbau durch stark erhöhte Nachfrage nach elektrischem Strom erheblich beschleunigt, die Kreise Witzenhausen, Heiligenstadt und Ziegenhain schlossen sich dem "ÜWED" an, der jetzt zwölf Landkreise in Nordhessen, Ostwestfalen und Südniedersachsen als Mitglieder umfasste.

Im Jahr 1922 entstand unter Führung von "ÜWED" der "Kommunale Elektrozweckverband Mitteldeutschland (EZV)", ein Zusammenschluss von Überlandzentralen in kommunaler bzw. kreiseigener Trägerschaft. Dieser beließ seinen Verbandsgliedern, der 36 Stadt- und Landkreise umfasste, ihre Selbständigkeit in der Energiewirtschaft und den Gemeinden seines Versorgungsbereichs die Selbstbewirtschaftung ihrer Stromverteilungsnetze. Es herrschte die Vorstellung, dass es sich bei der Energieverteilung um eine eigenständige öffentliche Aufgabe handelt, die zweckmäßigerweise von abnehmernahen Trägern durchzuführen sei.

Die Landgemeinden und auch die kleineren Städte, die typisch für den Regierungsbezirk Kassel sind, waren von vornherein nicht in der Lage, ihre Netze von entsprechend ausgebildeten Sachverständigen, also Ingenieuren und Elektrikern, betreuen zu lassen. Der ortsansässige Schlosser oder Dorfschmied waren nur ein recht unzulänglicher Ersatz und die Gemeinden achteten vielfach mehr auf die Einnahmen für ihren Gemeindesäckel als auf den Ausbau und die Unterhaltung ihrer Netze. Dies und die Sorge vor dem weiteren Aufkauf lokaler Netze durch die junge PreußenElektra führten zur Gründung der "Elektrizitäts Aktiengesellschaft Mitteldeutschland (EAM)" Der EAM gehörten mit ihrer Gründung die "ÜWED", die Kreise Rotenburg, Hersfeld, Kirchhain, Marburg und Hanau mit ihren Kreisversorgungsanlagen, die Kreise Northeim und Einbeck als Gesellschafter der Überlandwerk Südhannover, die PreußenElektra unter Einbringung der von ihr erworbenen Anlagen im Kreis Frankenberg und ab 01.04.1930 die Stadt Göttingen mit dem Städtischen Elektrizitätswerk an.

Die Preisstellung für den gelieferten Strom war in den Anfängen der Stromversorgung kaum das Ergebnis einer nach kaufmännischen Grundsätzen aufgestellten Kalkulation, sondern aus Sicht des Abnehmers die Wertschätzung hierfür. Konkurrenten der elektrischen Beleuchtung waren damals die Petroleum- und die Gasbeleuchtung. Bei einem damals üblichen Strompreis von 50 Pfg. je kWh Lichtstrom war die elektrische Beleuchtung teurer. Vorteile waren jedoch die Einfachheit der Bedienung, ihre Anpassungsfähigkeit und Feuersicherheit, und somit Wegbereiter ihrer zunehmenden Verwendung.

Der Elektromotor in seiner Preiswürdigkeit und Einfachheit hatte in Handwerk und Gewerbe keinen Vorläufer im Sinne der elektrischen Beleuchtung. Er übernahm die Aufgabe der damals billig dargebotenen menschlichen Arbeitskraft, abgesehen von solchen größeren gewerblichen Betrieben, die bereits über eigene Kraftanlagen, Wasserräder und Turbinen, Windkraft, Dampfmaschinen oder Gasmotoren verfügten. In der Landwirtschaft bediente man sich der tierischen Arbeitskraft, der Göpel gehörte bis zur Aufnahme der Stromversorgung auf dem Lande zum selbstverständlichen Bestandteil der maschinellen Ausrüstung des bäuerlichen Betriebs. Die Verwendung elektrischer Kraft wurde entsprechend verbilligt und meist zum Preise von 25 Pfg./kWh abgegeben.

Quelle: Jubiläumsschrift "Stromversorgung im überschaubaren Raum - 25 Jahre EAM, 1929 - 1954", Elektrizitäts-Aktiengesellschaft Mitteldeutschland, heute E.ON Mitte AG, Kassel


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